Theatergeschichtsschreibung ist keine zwingende Folge von Theaterpraxis, vielmehr ist sie als Literaturgattung zu verstehen, in welcher ein bestimmtes kulturpolitisches Engagement anhand ausgewählter Monumente der Kulturgeschichte innerhalb traditioneller rhetorischer Grundmuster bzw. Darstellungsformen der Wissenschaft artikuliert wird.
In diesem Sinn untersucht das Forschungsprojekt Theatergeschichtsschreibung als kulturelle Praxis und unternimmt damit den erstmaligen Versuch, die Geschichte der Theaterhistoriographie über die Grenzen ihrer universitären Institutionalisierung hinaus zu beschreiben, zu bewerten und hinsichtlich der Planung künftiger Forschung auszuwerten.
Die Topoi, Grundmuster und Wertungskriterien der Theatergeschichtsschreibung entwickelten sich vornehmlich während des 16. und 17. Jahrhunderts in drei Literaturformen. Erstens in Reiseberichten, zweitens im poetologischen Diskurs und drittens im Moraldiskurs. Parallel zur Herausbildung des bürgerlichen Theatermodells münden im 18. Jahrhundert diese drei Diskurse in explizite Theatergeschichtsschreibung und zwar nahezu gleichzeitig in ganz Europa.