Renaissancestudien greifen oft auf Theaterinszenierungen zurück, um Bewegungen in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte zu veranschaulichen. In der Regel wird dabei ausser Acht gelassen, wie sehr theatrale Praktiken im 16. Jahrhundert strategisch zur Propagierung eines ganz bestimmten Menschenbildes vereinnahmt wurden. Wie sehr es sich um eine offizielle Kultur handelte, die sich anschickte, den zivilisatorischen Fortschritt mit einer umfassenden Hierarchisierung der Schöpfung zu begründen. Und damit geht vergessen, dass sich parallel dazu andere künstlerische Ausdrucksformen ausbildeten, die sich von gegenteiligen Grundpositionen her dem Glauben an ein kommendes Geschlecht der sich die Natur endgültig untertan machenden Übermenschen widersetzten.
Die Commedia dell’arte bzw. all’improvviso gehört zu diesen zeitspezifischen Kunstformen und bildet sich im Brennpunkt der in der Instrumentalisierung scheiternden Visionen des Humanismus heraus. Sie entwickelte sich parallel zum Versuch, den Menschen aufgrund seiner Ratio als Krone der Schöpfung zu verklären und ihn in der Kunst entsprechend schön und herrlich abzubilden. Dies lässt sich zumindest aus Dokumenten schliessen, die nicht direkt mit der Aufführungspraxis der Commedia verbunden sind. Aber mit welchen künstlerischen Praktiken beteiligten sich die Comici de facto am Diskurs über Humanitas und Zivilisation? Und inwiefern lässt sich dieses Engagement bei einer Improvisationstheaterform aus aufführungsbezogenen Materialien wie den Szenarien heraus beschreiben und problematisieren?
Die Materialbasis des vorliegenden Projektantrags ist deshalb die Handschrift Scenari più scelti d’Istrioni, welche aus dem Besitz des Kardinals Maurizio di Savoia in die Bestände der Römer Biblioteca Corsiniana gelangt ist. Es handelt sich um die älteste noch erhaltene Sammlung von Szenarien der Commedia all’improvviso. Sie umfasst hundert Spielanleitungen zur italienischen Improvisationskomödie aus dem 16. Jahrhundert und weist die Besonderheit auf, dass jedem der Texte ein mit Spielszenen illustriertes Titelblatt vorangestellt ist. Dieses von der internationalen Forschung seit Jahrzehnten als Schlüsseldokument für die europäische Theatergeschichte erkannte Material soll erstmals ediert sowie einer kulturgeschichtlichen Analyse im oben angedeuteten Sinn zugeführt werden. Das Vorhaben gliedert sich in drei Arbeitsfelder:
Kontakt: Prof. Dr. Stefan Hulfeld, lic. phil. Stefano Mengarelli, lic. phil. Demis Quadri, lic. phil. Sebastian Hauck