Von Stadtnarren, Wandertruppen, Festspielen und Kellertheatern
Eine Theatergeschichte, die das Berner Theaterwesen vom Mittelalter bis in die Gegenwart dokumentiert und wissenschaftlichen Kriterien entspricht, fehlt bis heute. Das Forschungsprojekt „Berner Theatergeschichte“ versucht, diesen Mangel zu beheben. Drei Doktoranden erforschen die unterschiedlichsten Theaterformen, von religiösem Brauchtum über politische Machtinszenierungen bis hin zur Kleintheaterbewegung. Die Ergebnisse werden im Rahmen einer Buchpublikation und einer Ausstellung präsentiert.
Bis jetzt wurden zwei Versuche unternommen, eine umfassende Theatergeschichte von Stadt und Kanton Bern zu schreiben: Armand Streit verfasste eine zweibändige „Geschichte des bernischen Bühnenwesens“ (1873-1874), Edmund Stadler begann in den 1950er Jahren seine „Bernische Theatergeschichte“, die als unvollständiges Typoskript bzw. seit 2007 in digitalisierter Form auf CD-ROM vorliegt. Beide Werke bestechen durch eine grosse Materialfülle. Aufgrund mangelhafter oder fehlender Quellenangaben und überholter theaterhistorischer Zugänge genügen diese Texte, deren Untersuchungszeitraum zudem kaum bis ins 19. Jahrhundert hineinreicht, heutigen wissenschaftlichen Anforderungen jedoch nicht mehr. Neben Streits und Stadlers Arbeiten liegen Spezialuntersuchungen vor, die jeweils nur Ausschnitte aus dem theatralen Gefüge von Stadt und Kanton dokumentieren. Je nach Forschungsinteresse werden entweder Institutionen, dramatische Gattungen, Spieltexte, Aufführungen, Bühnenanlagen oder Inszenierungsweisen erforscht. Eine bis in die Gegenwart reichende Gesamtdarstellung fehlt jedoch. Wer sich einen Überblick über die Vielfalt der nebeneinander existierenden Spielformen und –traditionen verschaffen will, muss sich mühsam durch z.T. schwer erreichbare Einzelpublikationen kämpfen. Ausserdem klaffen noch erhebliche Lücken in der Aufarbeitung der Berner Theatergeschichte.
Hier setzt das Projekt „Berner Theatergeschichte“ an. Ausgewählte Komplexe szenischer Vorgänge sollen exemplarisch einer vertieften Analyse unterzogen werden. Dabei stehen einerseits von der neueren Forschung nicht berücksichtigte Themen im Vordergrund, andererseits werden bereits bekannte Ereignisse aus theaterwissenschaftlicher Perspektive dargestellt und interpretiert. Theatrale Phänomene aus den Bereichen Religion, Politik und Brauchtum – Prozessionen, Umzüge etc. – werden dabei genauso unter die Lupe genommen wie Theatergruppen oder Theaterinstitutionen. So werden zum Beispiel Geisslerzüge im Mittelalter, theatrale Aktivitäten des Äusseren Standes im 18. Jahrhundert oder die Wiederbelebung der Berner Fastnacht im 20. Jahrhundert untersucht. Ergänzt werden diese Detailstudien von Synopsen, die nicht nur einen Überblick über das Nebeneinander verschiedener theatraler Erscheinungsformen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes geben, sondern auch die Möglichkeit bieten, unterschiedliche Theaterformen aufeinander zu beziehen und zu kontextualisieren. So wird ein umfassender Einblick in die vielfältige Theatergeschichte der Stadt Bern ermöglicht. Kontinuitäten, Brüche und Besonderheiten des Berner Theaterwesens können sichtbar gemacht werden. Um eine solche Gesamtschau zu realisieren, werden die mehr als 800 Jahre Berner Theatergeschichte in drei Zeitabschnitte eingeteilt, die von je einem Doktoranden bearbeitet werden: Der erste Teil reicht vom Mittelalter bis ca. 1700 (Regula Gámiz-Brunner), der zweite Teil umfasst das 18. und 19. Jahrhundert (Susanna Tschui), der dritte Teil thematisiert das Berner Theaterwesen der letzten 100 Jahre (Manfred Veraguth).
Die STS als Quellenlieferantin
Forschungsmaterial und Quellen für eine Berner Theatergeschichte finden sich vorwiegend im Staatsarchiv Bern, in der Burgerbibliothek Bern und in der Schweizerischen Theatersammlung. Dabei kommt der STS vor allem für die Erforschung der jüngeren Theatergeschichte eine zentrale Bedeutung zu. Besonders reich sind z.B. die Bestände über die nationalen Festspiele. Diese Dokumentationen, darunter auch wertvolle Bildmappen, dienen insbesondere zur Erforschung und Illustration der geplanten Berner Jubiläumsfeier von 1791, der durchgeführten von 1853 und der Schweizerischen Landesausstellung von 1914. Da die STS in umfassender Weise die Tätigkeit der Exilkünstler in der Schweiz zur Zeit des Nationalsozialismus dokumentiert, liegt eine hervorragende Quellenlage zur Untersuchung der „geistigen Landesverteidigung“ in Bern mit theatralen Mitteln vor. Anhand wertvoller, kaum bearbeiteter Nachlässe mit umfangreichem Bild- und Textmaterial ist die weit über die Stadtgrenzen hinaus berühmte Berner Kellertheater- und Kleinkunstszene belegt. Damit eröffnet die STS ein weites Feld für die Darstellung der Vielfalt experimenteller und alternativer Bühnen und genuiner Formen des Mundartheaters seit der Blüte in den 1970-er Jahren bis heute. Auch die zeitgenössische Tanzszene, die Bern als wichtigsten nationalen Treffpunkt erkoren hat, ist durch Literatur und audiovisuelle Medien dokumentiert. Hervorzuheben ist zudem, dass die STS über einen wertvollen Fundus an Fotodokumenten verfügt, der für eine Bebilderung der geplanten Publikation herangezogen werden kann. Für die Erforschung früherer Jahrhunderte bietet die STS mit ihrer gut dotierten Bibliothek ebenfalls optimale Recherchemöglichkeiten.
Buchpublikation und Ausstellung
Die im Rahmen des Forschungsprojekts erarbeiteten Dissertationen schliessen an die Publikationen der Reihe THEATRUM HELVETICUM an, in der schon Beiträge zur Theatergeschichte Basels, Solothurns, Zürichs, Einsiedelns, Luzerns und den Spielstätten der Schweiz, sowie das "Theaterlexikon der Schweiz" erschienen sind. Geplant ist eine integrale digitale Veröffentlichung der einzelnen Doktorarbeiten von Susanna Tschui, Manfred Veraguth und Regula Gámiz-Brunner (CD und online-Veröffentlichung). Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen werden zudem in einer speziell leserfreundlichen Form aufbereitet und zu einer reich illustrierten Buchpublikation zusammengefügt, die im Herbst/Winter 2012 als Gemeinschaftsproduktion der Burgerbibliothek und des ITW realisiert werden soll.
Mit einer grösseren Ausstellung soll die im Rahmen des Forschungsprojekts erarbeitete „Berner Theatergeschichte“ einem erweiterten Publikumskreis präsentiert werden. Als Ausstellungsort ist das Kornhausforum vorgesehen. Mit seinen historischen Räumen, dem hohen Stadthaussaal mit der bemalten Holzdecke und den beiden funktional eingerichteten Nebenräumen (Medienraum und Vortragssaal), bietet es eine stimmungsvolle Kulisse für die Inszenierung der „Berner Theatergeschichte“ und verfügt zudem über eine moderne Infrastruktur, die auch innovative Ausstellungsformen ermöglicht.
Da das Kernteam des Projekts „Berner Theatergeschichte“, die drei Doktorierenden und die Direktorin der Schweizerischen Theatersammlung, zwar die inhaltlichen Grundlagen sowie die Ausstellungsobjekte – Texte, Bilder, Modelle, Videos, etc. – liefern wird, die gestalterische Umsetzung jedoch nicht selbst bewerkstelligen kann, ist der Beizug von weiteren Fachleuten unabdingbar. Eine viel versprechende Möglichkeit zur Zusammenarbeit bot sich mit dem Institute for the Performing Arts and Film (IPF) der Zürcher Hochschule der Künste an. Ein ausführliches Gespräch mit Anton Rey, dem Leiter des Instituts, hat ergeben, dass die Aufgabe „Theater auszustellen“ hervorragend zum Lehrgang „Szenografie“, der die Gestaltung von Raum im Theater, im Film und für Ausstellungen beinhaltet, passt. Die Realisierung der Ausstellung der „Berner Theatergeschichte“ als Koproduktion von Theaterwissenschaftlern (Dissertanden des ITW) und angehenden Szenografen der Zürcher Fachhochschule wird von beiden Seiten als einmalige Chance des transdisziplinären Austauschs von wissenschaftlichem und künstlerischem know how gewertet. Unter Anleitung von Dozierenden übernehmen die Fachhochschulabsolventen die Planung und den Entwurf der Ausstellung und betreuen die Ausführung einschliesslich sämtlicher Installationen im und um das Kornhaus.
In der geplanten Schau sollen alle Epochen der Berner Theatergeschichte durch Text- und Bildmaterial (Abbildungen in Chroniken, Plakate, Fotos, Programmhefte, Presseausschnitte) sowie Objekte (Theaterbau- und Bühnenmodelle, Requisiten, Kostüme) repräsentiert werden. Für die neueren und neuesten Entwicklungen des bernischen Theaterwesens sind auch Videos und Tondokumente mit Ausschnitten aus Inszenierungen und Interviews mit Theaterschaffenden vorgesehen. Attraktives Ausstellungsmaterial ist in erster Linie in der STS vorhanden: Theatergebäudemodelle des „Hôtel de Musique“ und des Schlachthaustheaters sowie Objekte und Dokumentationen aus den Nachlässen und Schenkungen der Berner Kleintheater (Galerietheater „die Rampe“, Ateliertheater Bern, Theater 1230, Theater Zähringer Refugium Bern). Für die Darstellung der szenischen Vorgänge vor dem 20. Jahrhundert wird auf die Bestände der Burgerbibliothek, des Historischen Museums und des Staatsarchivs zurückgegriffen.