Geschichts-Schreibung im Tanz
Dozierte oder getanzte Tanzgeschichte erlebt zurzeit in Hörsälen sowie auf Theater- und Festivalbühnen eine Blüte, derweil die Historiografie in anderen Disziplinen grundsätzlich kritisiert und hinterfragt wird. Längst ist der Komplexität der Ereignisse mit Verzeitlichungsstrategien und Bewegungsstrukturen der einen Geschichte nicht mehr beizukommen. Statt linearer Fortschrittsmodelle und totalisierender Festschreibungen bestimmen räumliche Metaphern und kontingente Akzente die Diskussion.
Gerade der Tanz als ephemere, bewegte Raumkunst eignet sich da besonders für ein Nachdenken über die Historie. Tanz als Kunst der Präsenz/des Präsens reflektiert die eigene Vergangenheit auf signifikante Weise. In diesem Band stehen denn auch das spezifische Potential der Geschichts-Schreibung über choreografische Umsetzungen, (Re-)Konstruktionen oder (Re-)Produktionen sowie ihre Analysen zur Diskussion: Mit beziehungsweise zwischen den Begriffen Original und Revival äussern sich Autorinnen und Autoren der internationalen Tanzwissenschaft und -kunst aus unterschiedlichen Perspektiven zur Geschichte des Tanzes, zu seiner Geschichtlichkeit und zur «Erzählung» seiner Geschichte(n).
Inhalt
- Christina Thurner: Raum für bewegliche Geschichtsschreibung. Zur Einleitung
Tanz-Geschichte(n) auf der Bühne
- Gerald Siegmund: Affekt, Technik, Diskurs. Aktiv, passiv sein im Angesicht der Geschichte
- Steffen A. Schmidt: Moment und Ewigkeit. Zu Zimmermann/Crankos Présence 1968 und 2007
- Krassimira Kruschkova: Tanzgeschichte(n): wieder und wider. Re-enactment, Referenz, Révérence
- Simone Willeit: Stolpern und Unzulänglichkeiten. Interferenzen in Tanz-Rekonstruktionen
- Julia Wehren: Tradition im Fokus. Choreografie als kritische Reflexion von Tanzgeschichten
Tanz und Historiografie
- Claudia Jeschke: Updating the Updates. Zum Problem der «Identität» in der Geschichtsvermittlung vom Tanz(en)
- Gabriela Klein: Die Welt des Tanzes. Zur historischen Genese und politischen Relevanz von Universalität in der Tanzgeschichtsschreibung
- Jens Richard Giersdorf: Unpopulärer Tanz als Krise universeller Geschichtsschreibung oder Wie Yutian und ich lang anhaltenden Spass mit unseriö ser Historiografie hatten
- Stephanie Schroedter: Henry Purcells «Dido and Aeneas» zwischen Historie, Historiografie und künstlerischer Kreativität
- Sabine Huschka: Kulturelle Entwürfe von Theatertanz. Historiografie und historisches Denken im 18. Jahrhundert
Tanz im/als Archiv
- Franz Anton Cramer: Tänzerische Quellenkunde, die Emphase des Gegenwärtigen und das Phantasma des Archivs
- Janine Schulze: Lücken im Archiv oder Die Tanzgeschichte ein «Garten der Fiktionen»?
- Isa Wortelkamp: Bilder in Bewegung /Bewegung in Bildern. Zum dokumentarischen Gewebe der Tanzgeschichte
Künstlerische Reflexionen zur Tanzgeschichte
- Karin Hermes: Choreografie im hermeneutischen Prozess. Reflexionen zur künstlerisch-methodischen Recherche anhand von Beispielen
- Nicole Haitzinger: Re-Enacting Pavlova. Re-Enacting Wiesenthal. Zu Erinnerungskultur(en) und künstlerischen ‹Selbst›-Inszenierungen
- Laura Leupold: «Mettre la mémoire à l’épreuve». Olga de Soto interviewt von Laura Leupold
- Robert Atwood: Viewing dance technique in the context of the physical environment